Heute Mittag hatte unsere Belegschaft ein Gespräch mit einem Vertreter der Diözesanleitung. Das Gespräch war thematisch und sollte einen Bezug zu unserem Arbeitsalltag bilden. Aufhänger waren die Bemühungen des Vatikans, Anglikanern die Rückkehr in die katholische Kirche zu ebnen. In diesem Zusammenhang stand auch die Frage nach dem Zölibat.
Für mich sehr nachvollziehbar und auch nicht zu sehr abstrakt waren die Ausführungen unseres Gesprächspartners. Doch beim Priesterbild im Vergleich zum evangelischen Pfarrer mußte ich stutzen: In der evangelischen Kirche trage der Pfarrer die Gebete stellvertretend für die Gemeinde vor Gott, bei uns Katholiken sei der Priester
in persona Christi das Gegenüber der Gemeinde.
Freilich waren meine ersten Gedanken in der Liturgie und ich mußte unwillkürlich an die in Meßgewänder oder Betsäcke gehüllten Moderatoren unserer
Heilige Messe genannten Liturgiefeiern denken. Allerdings habe ich nichts entgegnet, da ich offensichtlich der einzige in der Runde war, der diese Gedanken hegte. Niemand hätte meinen Einwand wirklich verstanden, und im Ernstfall wäre ich der
mit dem Rücken zum Volk gewesen.
Heute Abend dann wurden meine Vorbehalte in der Meßfeier wieder einmal voll bestätigt: Aus der Sakristei kam neben einem Ministranten ein lila Stola tragender Zelebrant. Damit das aber nicht zu trist aussieht, trug er unter dieser Stola einen weißen Betsack. Das war wohl der pastorale Kompromiß aus Totengedenkmesse (nicht das
Requiem!) für einen letzte Woche Verstorbenen und dem Gedenktag der Heiligen Elisabeth. Nach dem Einzugslied
Wenn das Brot, das wir teilen begrüßte das Gegenüber der Gemeinde selbige mit salbungsvollen Worten, erklärte, warum wir heute hier sind und wandte seinen Blick immer in Richtung Angehörige des Verstorbenen, die im vorderen Bereich saßen. Vor der Lesung gab es eine Einführung, warum wir diese denn jetzt hören und was uns die Worte, die wir bis dato noch nicht gehört hatten, sagen wollen/sollen. Das Evangelium wurde
Frohe Botschaft genannt, denn wir sind ja blöde Laien, die das nicht wissen, weshalb es uns vom Gegenüber übersetzt werden muß. Die Fürbitten waren selbstformuliert vom Ambo, freilich mit Blickrichtung zu den Angehörigen.
Ich hatte das Gefühl, als wollte der Priester des heutigen Abends unseren "Gästen" durch seinen steten Blick mitteilen:
"Schaut mal, so schlimm ist das bei uns doch gar nicht. Wir machen das alles ganz persönlich."Daß im II. Kanon kaum noch ein Satz unverändert blieb und eine Füllvokabel der anderen folgte, wunderte mich da gar nicht mehr. Unser Gegenüber hatte alles fest im Griff. Beim Friedensgruß kam der Priester dann zu jedem einzelnen Angehörigen gelaufen und nahm dabei den ganzen ersten Block auf der Südseite des Schiffes mit. Als er bei mir ankam, war ich schon kurz davor zu sagen:
"Gehn'se lieber wieder hoch. Der Heiland wird sonst kalt", konnte mir das aber gerade noch verkneifen. Nach meiner Reihe hörte er dann plötzlich auf. Warum jetzt der Rest der Gemeinde keinen persönlichen Friedensgruß von unserem Gegenüber bekam, erschließt sich mir nicht so recht.
Und natürlich folgte auch zwischen Schlußgebet, Schlußlied und Segen noch eine Ansprache, in der uns das Gegenüber erklärte, was wir denn jetzt alles gemacht haben. Komisch, ich brauche dafür nur zwei Worte:
Messe gefeiert!
Ist das etwa das Gegenüber, das unser Gesprächspartner heute Mittag meinte? Ich hoffe nicht!